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Backmarker, Bankrotteure und Helden des Scheiterns: Cadillac, Aston Martin und die ruhmreichen Verlierer der Formel-1-Geschichte

Milliardenbudgets, Weltklasse-Ingenieure, Superstar-Fahrer – und trotzdem kein Stich. Was Cadillac und Aston Martin in der Saison 2026 erleben, ist kein Zufall, sondern Teil einer alten Formel-1-Tradition. Denn die Königsklasse kennt ihre glorreichen Verlierer – und liebt sie insgeheim.

© XPB Images

Manchmal schreibt die Formel 1 ihre packendsten Geschichten nicht vorne, sondern hinten. Zwei Teams, die 2026 mit größten Ambitionen gestartet sind, kämpfen um das Überleben in der Startaufstellung. Ein Blick auf sie – und auf die Ahnen des Scheiterns, auf deren Schultern sie unfreiwillig stehen.

Cadillac verteidigt aktuell erfolgreich die letzen Platzierungen. | © Batchelor / XPB Images

Der amerikanische Traum auf Reifentemperatur

Es sollte das Jahr des Aufbruchs werden. Cadillac betrat 2026 als erster unabhängiger Neuzugang seit Haas im Jahr 2016 die Formel-1-Bühne – gestützt von General Motors und TWG Motorsport, ausgestattet mit Ferrari-Motoren und einem erfahrenen Fahrerduo aus Sergio Pérez und Valtteri Bottas. Der Enthusiasmus war riesig. Die Realität auf der Strecke zunehmend ernüchternd.

Beim Saisonauftakt in Australien erreichte Sergio Pérez das Ziel und beendete das Rennen auf Platz 16, Valtteri Bottas schied hingegen aufgrund von Problemen mit der Kraftstoffversorgung aus.

Das Cadillac-Team war trotz des Rückstands laut Berichten von Motorsport-total von drei Runden mit dem Debüt zufrieden und wertete die Zielankunft von Pérez als ersten Meilenstein. Beim zweiten Rennen in China kamen immerhin beide auch schon ins Ziel, Pérez auf Platz 15 und Bottas auf Platz 13. Dazu sei aber auch gesagt, dass bereits einige Fahrer ausgeschieden sind und insgesamt auch nur 15 Piloten über die Ziellinie gefahren sind. Für ein anderes Team wäre das eine Schande. Für ein Team, das von Null aufgebaut wurde und dessen Startgenehmigung erst vor zwölf Monaten gesichert war, war allein die Anwesenheit bereits eine Leistung. 

Noch vor dem ersten Saisonrennen hatte F1-Kommentator Will Buxton im Up to Speed-Podcast ausgesprochen, was viele dachten: „Das Team ist erschöpft. Einfach erledigt. Und die Saison hat noch nicht einmal angefangen.“ CEO Dan Towriss blieb pragmatisch. Punkten? Kein Muss. „Für mich wären Punkte ein willkürliches Ziel. Ich möchte sehen, wie viele Autos wir im ersten Jahr überholen können.“ Ein Statement voller Bescheidenheit – und ehrlicher Realitätsprüfung.

Aston Martins Alptraum

Wenn Cadillac der hoffnungsvolle Neuling ist, ist Aston Martin 2026 der tragischere Fall. Das Team, das Fernando Alonso vor zwei Jahren noch „das Team der Zukunft“ nannte, startete als Top-Kandidat fürs neue Regelwerk. Lawrence Stroll hatte jahrelang darauf hingearbeitet: neue Fabrik in Silverstone, neuer Windkanal, Konstrukteurs-Legende Adrian Newey, exklusiver Honda-Motor. Doch Testprobleme und Zuverlässigkeitsdefizite zerstörten die Ambitionen – ein Kollaps trotz aller Investitionen.

Was folgte, war eine Katastrophe in Zeitlupe. Aston Martin absolvierte laut The Race in der gesamten Vorsaison die wenigsten Kilometer aller elf Teams und stellte dabei die langsamsten Zeiten auf. Der Grund: exzessive Vibrationen im Honda-Aggregat, die die Batterie beschädigten.

Das Auto war in den Tests rund vier bis fünf Sekunden langsamer als die Spitzenteams – und das bei äußerst konservativen Motorenmodi, weil das Team schlicht keine Ersatzbatterien besaß. Teamchef Adrian Newey beschrieb die Lage gegenüber dem offiziellen F1-Portal nüchtern:

„Die Batterie ist das Ding, auf das wir uns konzentriert haben, weil sie das kritische Element ist.“

In China setzte sich das Debakel fort. Sowohl Alonso als auch Stroll schieden vorzeitig aus. Im Qualifying stand Alonso auf Startplatz 19, mehr als drei Sekunden hinter der Pole-Zeit.

Laut ESPN erinnert die Situation schmerzhaft an ein anderes Honda-Kapitel: 2015 war Honda mit einem schweren, leistungsschwachen und unzuverlässigen Motor in die Formel 1 zurückgekehrt – ausgerechnet als Partner von McLaren. Über drei qualvolle Saisons verbesserte sich kaum etwas. Ironischerweise war auch damals Fernando Alonso der Leidtragende.

Team-Repräsentant Pedro de la Rosa fasste es mit entwaffnender Ehrlichkeit zusammen: „Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es wirklich nicht – niemand weiß es. Es ist kein einfacher Job, und er ist nicht in fünf Minuten erledigt.“

Archivbild Februar 2026: Auch in der Geschichte der F1 gab es bereits einige „Verlierer“. | © IMAGO / PsnewZ

Die Ahnen des Scheiterns – Willkommen in der Ruhmeshalle

Was Cadillac und Aston Martin 2026 erleben, ist unangenehm. Aber es ist nicht einzigartig. Die Formel 1 hat eine lange, bizarre und manchmal komische Geschichte des institutionalisierten Versagens.

Archivbild 2003: | © IMAGO / ZUMA Press Wire

Andrea Moda Formula (1992): Der schnellste Rauswurf der Geschichte

Schuhfabrikant Andrea Sassetti baute aus dem Rest des Coloni-Teams ein neues Aufgebot, das bei elf gemeldeten Grands Prix lediglich einmal – in Monaco durch Roberto Moreno – die Qualifikation überstand. Perry McCarthy, später als anonymes Gesicht des „Stig“ in der BBC-Show Top Gear bekannt, verpasste jede einzelne Qualifikation. Mitte der Saison wurde Sassetti in Spa wegen gefälschter Rechnungen festgenommen; die FIA schloss das Team anschließend wegen „Rufschädigung des Sports“ aus. Parallele zu 2026? Cadillac qualifizierte sich beim Australien-GP zumindest auf P18 und P19 – was Andrea Moda über die gesamte Saison nie gelang. Der Vergleich gibt Hoffnung.

Archivbild 2001: Das Schicksal wird dem Nachfolger vererbt. Keine Erfolgserlebnisse über mehrere „Generationen“ hinweg. | © IMAGO / ZUMA Press Wire

Life Racing (1990): Der W12, der keiner war
Das aus Modena stammende Team setzte auf einen hauseigenen W12-Motor (drei V4-Blöcke in 60°-Anordnung), der kaum mehr Leistung als ein Mittelklassewagen brachte. Gary Brabham – Sohn des dreifachen Weltmeisters Jack – schaffte in zwei Versuchen keine Qualifikation und zog sich zurück; Nachfolger Bruno Giacomelli scheiterte ebenfalls überall. Aston Martins AMR26 absolvierte in Barcelona nur drei Runden und in Bahrain rund 200 Testlaps – vergleichbare Teams fuhren ein Vielfaches davon.

Archivbild 2012: HRT – drei Teilnahmen – null Punkte. | © Charniaux / XPB Images

HRT F1 Team (2010–2012): Drei Saisons, null Punkte
Das Hispania Racing Team startete bei 58 Grands Prix (56 Starts), ohne einen einzigen WM-Punkt zu holen – Rekord für die meisten Rennstarts ohne Erfolg. Es bot Fahrern wie Narain Karthikeyan oder Pedro de la Rosa – der heute als Aston-Martin-Botschafter durch die Boxengasse läuft – eine Bühne. Eine traurige, aber echte Geschichte.

Archivbild 1990: Dabeisein ist alles. | © Photo4 / XPB Images

Coloni (1987–1991): Vorqualifikation als Kunstform
Das italienische Coloni-Team war so langsam, dass es regelmäßig die Vorqualifikation verpasste – eine Ausscheidungsrunde, die die FIA für hoffnungslose Fälle eingerichtet hatte. In der Saison 1991 scheiterte es jedes Mal daran, nie die eigentliche Qualifikation zu erreichen. Das Team erschien trotzdem. Jedes Mal.

Archivbild 2008: Es gilt nicht immer direkt erster zu sein, sondern aus den Fehlern zu lernen und dadurch zu wachsen. | © IMAGO / Thomas Melzer

Fazit: Scheitern als Fundament
Die Formel 1 kennt Extreme – und das in beide Richtungen. Cadillac und Aston Martin erleben 2026 echte Krisen: strukturelle Überforderung beim Debütteam, technische Katastrophe bei den Briten. Doch es sind Krisen mit Perspektive. Cadillac-Chef Dan Towriss und Teamprincipal Graeme Lowdon nannten bewusst keinen Zeitplan für Titelambitionen. Es wird weiter an Lösungen gesucht, was man aktuell auch gut als Schadensbegrenzung betiteln kann.

Und die ruhmreichen Verlierer der Geschichte? Sie erinnern uns daran, dass der Sport schon immer mehr war als die Summe seiner Sieger. Andrea Moda, Life Racing, HRT und Coloni hatten keine Milliarden, keine Weltmeister-Ingenieure, keine ehrenwerten Misserfolge. Sie hatten nur den unbändigen Willen, überhaupt dabei zu sein.

Das, am Ende, hat die Formel 1 immer größer gemacht als jede andere Rennserie der Welt.

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Lara Wettengel
Lara Wettengel verbindet Motorsport-Leidenschaft mit psychologischer Expertise. Für sie ist die Formel 1 nicht nur ein sportlicher Wettbewerb, sondern ein Hochleistungsraum für mentale Stärke, Präzision und emotionale Kontrolle. Mit ihrem Hintergrund in Psychologie sowie Akkreditierungen im Bereich Stressmanagement und Emotionaler Intelligenz (EQ) bringt sie eine Perspektive ein, die im Motorsport oft unterschätzt wird: die mentale Dimension von Performance. Seit 2026 verstärkt sie die Redaktion von CHAMP1. Für CHAMP1.NEWS verfasst sie News-Artikel, Hintergrundberichte und Analysen zu den zentralen Themen der Formel 1. Perspektivisch bringt sie ihre Expertise zudem in Social-Media-Formate und On-Air-Einordnungen ein. Ihre besondere Stärke liegt darin, sportliche Entwicklungen auch aus psychologischer Sicht zu beleuchten – und verständlich zu machen, was im Kopf der Fahrerinnen und Fahrer über Erfolg oder Niederlage entscheiden kann. Ihr Anspruch: Motorsport in seiner ganzen Intensität auf und neben der Strecke greifbar zu machen – analytisch, fundiert und mit Blick auf die mentale Performance.
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März, 2026

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