Tech-Expo, Familienfestival und taktischem Zurückfahren: Berlin zeigt, warum diese Serie alles ist, außer Racing.
Eine Insel mit hunderten Foodständen, Bühne, Liegestühlen und Paddel-Tennis. | ©IMAGO / PsnewZWillkommen im Freizeitpark Tempelhof
Berlin, Tempelhof. Wo früher Flugzeuge starteten, starten heute… Foodtrucks, Padel-Matches und Selfie-Marathons. Ach ja, und irgendwo dazwischen fährt auch ein Rennen.
Die Formel E inszeniert sich gern als Zukunft des Motorsports. Aber ehrlich gesagt fühlt sich das Ganze eher an wie ein gut organisiertes Stadtfestival mit angeschlossenem E-Prix. Zwischen Streetfood, Tischtennisplatten und musikalischer Dauerbeschallung fragt man sich unweigerlich: War da gerade ein Überholmanöver oder hat jemand nur den nächsten Burgerstand entdeckt?
Das Publikum? Eine Mischung aus Familienausflug und Influencer-Treffen. Richtige Motorsport-Enthusiasten wirken eher wie eine Randgruppe. Wer wirklich hören will, ob ein Auto beschleunigt, hat Pech gehabt. Oder Glück, je nach Lärmtoleranz. Selbst der Familienhund bleibt entspannt liegen.
Qualifying wie Kreisliga, Rennen wie Schachturnier
Und dann das sportliche Herzstück. Wobei „Herz“ hier vielleicht etwas hoch gegriffen ist.
Das Qualifying erinnert frappierend an ein Fußballturnier: Gruppenphase, Duelle, K.o.-System, nur ohne Emotionen auf den Rängen. Statt Fangesängen gibt’s Iced Matcha Latte und gelegentlich höflichen Applaus.
Im Rennen selbst wird es dann endgültig… speziell. Denn hier gewinnt nicht zwingend der Schnellste, sondern der Cleverste im Energiehaushalt. Oder anders gesagt: derjenige, der am besten darin ist, nicht vorne zu fahren.
Ja, richtig gelesen.
Führende Fahrer geben Positionen freiwillig ab, um Energie zu sparen. Teammanager und Ingenieure bestätigen das offen. Der Motorsport erfindet sich neu, als strategisches Rückwärtsdenken.
Man stelle sich vor: In der Formel 1 oder im GT würde jemand absichtlich vom Gas gehen, um später vielleicht schneller zu sein. In der Formel E ist das kein Fauxpas, sondern Teil des Konzepts.
Spannung? Ja. Racing? Darüber lässt sich massiv streiten. Nicht umsonst stand die bisherige F1 auch so massiv in der Kritik.
Technisch faszinierend – emotional steril
Dabei wäre es unfair, die Formel E komplett abzuschreiben. Technologisch ist das alles hochspannend. Elektrische Antriebe, Energierückgewinnung, Effizienzstrategien – ein rollendes Labor für die Automobilindustrie.
Auch fahrerisch ist das Niveau enorm. Mentale Stärke, Präzision, Reaktionsfähigkeit – all das ist auf absolutem Top-Level.
Selbst Sophia Flörsch, die künftig mit Opel in der Serie arbeitet, spricht vom Gen4-Auto mit über 800 PS wie von einem „Düsenjet“. Und nennt die Formel E sogar „die härteste Rennserie“.
Ein starkes Statement. Aber vielleicht auch eines, das mehr über die Anforderungen aussagt, als über das, was Fans unter Racing verstehen.
Denn Härte ist nicht gleich Leidenschaft. Und Effizienz nicht gleich Emotion.
Wahre Porsche-Legenden. |©IMAGO / Andreas BeilUnd dann kommt Porsche. Und alles macht plötzlich Sinn
Fast schon ironisch: Das größte Highlight des Wochenendes hatte… nichts mit der Formel E zu tun.
Anlässlich des 75. Motorsport-Jubiläums von Porsche wurden historische Rennfahrzeuge ausgestellt und teilweise auch bewegt.
Und plötzlich war sie da: diese rohe, ungefilterte Magie. Und ich glücklich.
Motoren, die nicht surren, sondern schreien. Der Moment, in dem ein Auto vorbeischießt und man kurz denkt, das Trommelfell kündigt.
Genau das ist Motorsport.
Nicht nur Technik. Nicht nur Strategie. Sondern Emotion, Risiko, Lautstärke.
Ein Erlebnis, das man nicht erklärt, sondern fühlt und lebt.
©IMAGO / foto2pressDie Zukunft ist leise und irgendwie egal
Die Formel E will modern, nachhaltig und innovativ sein. Das ist sie auch, keine Frage.
Aber während sie die Zukunft baut, verliert sie etwas Entscheidendes aus den Augen: das Herz des Motorsports.
Wenn Fahrer lieber nicht führen, Fans lieber flanieren und Motoren eher flüstern als brüllen, dann bleibt am Ende vor allem eines:
Ein gut organisiertes Event. Mit allem, außer echtem Racing.




































