Die Einordnung unserer Experten Marc und Niels zum aktuellen Reglement, dessen Überarbeitungen und warum die Formel 1 noch lange nicht am Ziel ist.
Geringfügige Anpassungen, erhebliche Unsicherheiten
Nach nur drei Rennwochenenden erfolgten bereits Reglementsanpassungen, eine Geschwindigkeit, die selbst für die üblicherweise reaktionsschnelle Formel 1 bemerkenswert erscheint.
Die vorgenommenen Änderungen bei den Startprozeduren, dem Energiemanagement, den Bedingungen bei Regen sowie im Qualifying sollten primär zu einer Erhöhung der Sicherheit und zu einem „echteren“ Rennsport beitragen. An diesem Punkt setzt jedoch die kritische Betrachtung ein.
Niels Wittich bewertet die Maßnahmen nüchtern und äußert sich dahingehend, dass das Vorgehen in seinen Augen „ein bisschen homöopathisch“ gewesen sei. Er merkt an, dass zwar „ein paar Dinge angepackt“ wurden, der Eingriff jedoch als „sehr, sehr minimal“ einzuschätzen ist.
Die Ursache hierfür liegt weniger in einem fehlenden Gestaltungswillen als vielmehr im komplexen politischen Kräftefeld der Formel 1. Wie so häufig leider üblich. Die Interessen der einzelnen Hersteller wirken oftmals als Hinderungsgrund für radikalere Schritte. Wittich präzisiert diese Situation, indem er feststellt, dass „jeder Hersteller natürlich seine Vorteile kennt, die er besitzt, und diese natürlich nicht aufgeben möchte“.
Dies führt zu einem Ergebnis, das eher von Kompromissen als von klarer Linie geprägt ist; der Fortschritt vollzieht sich in Millimetern statt in Metern.
Archivbild 2025: Die technische Einordnung von Marc ist ernüchternd. | © IMAGO / Jan HuebnerSurers technische und ungeschminkte Analyse des Konzepts
Die Analysen von Marc Surer zeichnen sich in der Regel durch eine ungeschminkte Klarheit aus. Seine aktuelle Einschätzung ist ernüchternd. Er stimmt der Auffassung von Nils Wittich zu, dass die vorgenommenen Änderungen „zu klein“ seien.
Insbesondere die vorhandenen Leistungsdaten stützen seine Argumentation. Trotz der neuen Regelungen sind die Fahrzeuge lediglich rund 1,5 Sekunden langsamer als im Vorjahr, während gleichzeitig höhere Höchstgeschwindigkeiten registriert werden. Daraus schließt er, dass „der Power nach wie vor da ist. Also Sie haben viel zu wenig weggenommen.“
Surer identifiziert in unserer Race Control Sendung das Kernproblem im Energiemanagement selbst. Die aktuelle Balance zwischen Verbrennungsmotor und Elektroantrieb zwingt die Fahrer zu einem Fahrverhalten, das er als unnatürlich beschreibt. Besonders eklatant wird dies im Qualifying, wo er festhält:
„In der Batterie sind 4 Megajoule… Das heißt, ich habe eigentlich in der Batterie nur die Energie für ein Viertel der Runde. Und drei Viertel der Runde muss ich die Batterie aufladen.“
Sein Fazit mündet in einer umfassenden technischen Kritik:
„Das ist also zwar Formel E, aber mit einer kleinen Batterie, die nicht mal für eine Runde reicht. Was ist das für ein Irrsinn?“
Archivbild 2024: Lieber kleine, konstante Schritte, als große Sprünge. | © Moy / XPB ImagesEntwicklungsstufen anstelle einer Schocktherapie
Während Surer primär die aktuelle Situation analysiert, richtet Niels seinen Blick nach vorn und präsentiert einen interessanten Gedankenansatz. Seine zentrale These lautet, dass das Problem struktureller Natur ist. Die 50:50-Aufteilung zwischen Elektro- und Verbrennerleistung sei schlicht zu ambitioniert gewesen. Er konstatiert:
„Diese Verteilung passt einfach nicht, oder noch nicht.“
Sein Vorschlag, der für eine Hightech-Klasse wie die Formel 1 beinahe konservativ anmutet, sieht eine langsamere Entwicklung vor. Er argumentiert, „wenn man gesagt hätte, wir fangen mal mit 70:30 an… und gehen dann in Schritten weiter…“ Solche Evolutionsstufen hätten laut Wittich dazu beitragen können, die drastischen Nebenwirkungen, insbesondere die erzwungenen Geschwindigkeitsreduktionen, zu vermeiden. Dieser Ansatz wäre weniger spektakulär, hätte aber eine deutlich höhere Stabilität ermöglicht.
Kleine Schritte, große Unsicherheit
Jetzt stellt man sich die Frage: Wie wird sich die Situation nun weiterentwickeln? Auch hier bleibt Wittich realistisch und prognostiziert:
„Es wird mit Sicherheit weitere Evolutionsstufen geben, aber ich glaube, das sind alles kleine Schritte.“
Die Formel 1 befindet sich in einem Dilemma. Das ist kein Geheimnis. Gravierende Änderungen bergen unkalkulierbare Risiken, während geringfügige Anpassungen kaum Wirkung zeigen. Oder, um es weniger bildhaft und prägnanter für die Formel 1 auszudrücken: Fünf Wochen Entwicklungszeit führen am Ende zu „ein bisschen weniger Energie“. Dies ist kaum die Grundlage für revolutionäre Veränderungen.
Zwischen Fortschritt und Frustration
Die Formel 1 hatte mit dem neuen Reglement die Absicht, eine zukunftsorientierte Ära einzuleiten, die von Nachhaltigkeit, Modernität und technologischem Anspruch geprägt sein sollte.
Stattdessen sieht sie sich aktuell mit den unerwünschten Folgen ihrer eigenen Ambitionen konfrontiert. Surer liefert die technische Diagnose, während Wittich die strategische Perspektive beisteuert.
Beide kommen aber zu dem gleichen Schluss: Das System funktioniert noch nicht in der beabsichtigten Weise. Die grundsätzliche Richtung mag zwar korrekt sein, der Weg dorthin erweist sich jedoch für die schnellste Rennserie der Welt als erstaunlich uneben.




































