Surer und Wittich sehen Grundproblem beim neuen Reglement
Das Miami-Wochenende hat die Formel 1 sportlich elektrisiert – aber bei RACE CONTROL wurde schnell klar: Unter der Oberfläche brodelt ein viel größeres Thema. Marc Surer und Niels Wittich sehen das neue Reglement weiterhin kritisch. Wittich bezeichnet die bisherigen Anpassungen der FIA als viel zu klein und spricht sinngemäß von eher „homöopathischen“ Korrekturen. Für ihn ist vor allem das Verhältnis zwischen Elektro- und Verbrennerleistung das Kernproblem.
Surer wird noch deutlicher. Aus seiner Sicht ist die Energielogik der neuen Autos grundsätzlich falsch angelegt. Die Batterie reiche nicht einmal für eine volle Runde, weshalb ein großer Teil der Fahrt zum Wiederaufladen genutzt werden müsse. Sein drastisches Fazit: In dieser Form werde das System „nie funktionieren“. Genau diese Aussage ist der härteste Befund der Sendung – und zeigt, wie groß die Zweifel am technischen Kurs der Formel 1 bleiben.
©XPB ImagesV8-Comeback plötzlich wieder realistisch
Spannend ist auch der Blick nach vorne. Sowohl Surer als auch Wittich halten eine Rückkehr des V8-Motors für realistisch. Für Surer ist vor allem der Sound ein zentrales Fan-Thema. Durch CO₂-neutrale Kraftstoffe sei zudem ein wichtiger Einwand gegen stärkere Verbrenner weggefallen.
Wittich sieht ebenfalls eine realistische Chance, auch wenn er betont, dass Hybridtechnik wohl nicht komplett verschwinden werde. Möglich wäre eher ein klassischerer Motor mit zusätzlicher elektrischer Boost-Komponente. Die Botschaft ist klar: Die Formel 1 könnte sich nach dem aktuellen Reglement-Experiment wieder stärker zurück zu ihrem emotionalen Kern bewegen.
Antonelli glänzt – Russell gerät unter Druck
Sportlich steht für Surer vor allem Kimi Antonelli im Mittelpunkt. Der Mercedes-Youngster holte in Miami bereits seinen dritten Sieg in Folge – und Surer wertet diesen Erfolg als besonders stark, weil Antonelli diesmal unter Druck bestehen musste.
Für George Russell wird die Lage dagegen unangenehmer. Wittich sieht bei ihm vor allem ein mentales Problem: Russell sei mit dem Anspruch in die Saison gegangen, Mercedes anzuführen, werde nun aber von Antonelli überstrahlt. Der junge Italiener wirke entspannter, intuitiver und stabiler. Trotzdem warnt Surer vor einem zu schnellen Urteil – die Saison sei noch lang.
©Getty Images / Red BullVerstappen stark – Red Bull noch nicht wirklich zurück
Bei Red Bull fällt das Urteil differenziert aus. Surer sieht Max Verstappen wieder deutlich wohler im Auto. Für ihn war Miami ein Zeichen, dass Verstappen wieder mehr Vertrauen hat – und erneut mehr aus dem Red Bull herausholt, als das Auto eigentlich hergibt.
Eine echte Wiederauferstehung des Teams sieht Surer aber noch nicht. Im Rennen habe Red Bull über die Distanz weiterhin nicht wie ein Siegkandidat gewirkt. Dazu bleibt die Personalie Gianpiero Lambiase brisant. Surer hält es für gut möglich, dass Lambiase nicht bis 2028 bleibt – vor allem, falls Verstappen selbst vorher geht.
Ferrari verbessert – und wirft trotzdem alles weg
Ferrari brachte in Miami viele Updates und zeigte zumindest phasenweise Fortschritte. Surer sieht den Ferrari deshalb nicht grundsätzlich schlecht. Leclerc konnte das Rennen anführen, das Auto wirkte näher an der Spitze als zuvor.
Doch am Ende bleibt wieder ein typisches Ferrari-Bild: Fortschritt auf dem Papier, Chaos im Ergebnis. Leclerc warf ein starkes Rennen mit Dreher, Abkürzungen und Strafe weg. Wittich hält die 20-Sekunden-Strafe für absolut gerechtfertigt – sogar eher für glimpflich. Wer sich dauerhaft einen Vorteil verschaffe, müsse bestraft werden.
©XPB ImagesAudi erlebt ein Albtraum-Wochenende
Auch Audi beziehungsweise Sauber bekommt in der Analyse wenig Schonung. Surer spricht von Problemen „an allen Ecken und Enden“. Technische Defekte, Disqualifikation, Bremsprobleme und Ausfälle machten Miami zu einem Wochenende, das das Team schnell vergessen will.
Immerhin sieht Surer in Allan McNish als neuem Racing Director eine sinnvolle Lösung. McNish kenne Audi, habe Erfahrung und werde keine zusätzliche Machtfrage erzeugen. Genau das könne dem Projekt helfen, nach außen und innen ruhiger zu werden.
Istanbul-Rückkehr sorgt für Zustimmung
Zum Abschluss gibt es auch positive Töne: Die Rückkehr der Formel 1 nach Istanbul stößt bei beiden Experten auf Zustimmung. Surer nennt den Istanbul Park eine der besten Strecken, die Hermann Tilke gebaut habe – mit Höhenunterschieden, schnellen Kurven und Überholmöglichkeiten. Auch Wittich bewertet die Rückkehr positiv.
Damit endet die RACE CONTROL-Analyse mit einem klaren Kontrast: Auf der Strecke liefert die Formel 1 Spektakel – aber technisch, sportpolitisch und personell bleiben die Baustellen riesig.




































