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RACE CONTROL

„Ferrari ist schuld an der Situation“: Surer analysiert Verstappen-Crash, Mercedes-Teamorder und Zandvoort-Zoff

Marc Surer analysiert den Niederlande-GP aus Fahrer- und Expertenperspektive: Verstappens ungewöhnlicher Crash, Norris’ Sieg, die Mercedes-Teamorder und Ferraris Strategie-Chaos stehen ebenso im Fokus wie Sainz’ Kollision mit Albon, Hülkenbergs Beinahe-Unfall und Lawsons starkes Red-Bull-Comeback.

©IMAGO / Orange Pictures / BSR Agency / SOPA Images

Nach der Analyse aus Sicht des ehemaligen Formel-1-Rennleiters Niels Wittich am Montag stand RACE CONTROL am Dienstag (25.08.2026) ganz im Zeichen der Fahrer- und Expertenperspektive. Marc Surer, selbst ehemaliger Formel-1-Pilot und langjähriger Experte, blickte auf die sportlichen Brennpunkte des Niederlande-Grand-Prix zurück.

Im Mittelpunkt standen Max Verstappens ungewöhnlicher Fahrfehler bei seinem letzten Heimrennen, Lando Norris’ Sieg, die Teamorder bei Mercedes, der Ärger zwischen Lewis Hamilton und Charles Leclerc bei Ferrari sowie die Kollision zwischen Carlos Sainz und Alex Albon. Dazu ging es um Nico Hülkenbergs Beinahe-Crash mit Gabriel Bortoleto, die Cockpit-Rochade bei Red Bull und Fernando Alonsos bestes Saisonrennen.

Surer erklärt Verstappens ungewöhnlichen Fahrfehler

Max Verstappens letztes Heimrennen in Zandvoort war bereits kurz nach dem Start beendet. Auf der noch teilweise feuchten Strecke geriet der Niederländer im letzten Sektor auf den nassen Bereich der Steilkurve und verlor seinen Red Bull.

Niels Wittich hatte den Fehler am Vortag als eine Art „Anfängerfehler“ bezeichnet. Surer stimmte der grundsätzlichen Einschätzung zu, sah den entscheidenden Auslöser aber vor allem in Verstappens Konzentration auf ein mögliches Überholmanöver.

Aus seiner Sicht war Verstappen rund 20 Zentimeter zu weit unten auf der Strecke. Auf Slicks und im nassen Bereich der Steilkurve sei das Auto anschließend nicht mehr zu retten gewesen.

„Wenn einer hätte das Auto noch abfangen können, dann wirklich Max“, erklärte Surer. In diesem Fall habe aber auch Verstappen keine Chance mehr gehabt.

Dass Verstappen seinen Vertrag unmittelbar vor dem Rennwochenende bis Ende 2030 verlängert hatte, überraschte Surer dagegen nicht. Mercedes sei für den vierfachen Weltmeister offenbar keine realistische Option mehr, weil Toto Wolff Kimi Antonelli nicht durch einen Verstappen-Transfer zur Nummer zwei degradieren wolle.

©McLaren F1 Team

Norris zurück an der Spitze – McLaren meldet sich zurück

Lando Norris feierte in Zandvoort seinen zweiten Sieg in Folge und setzte dabei eines der auffälligsten Manöver des Rennens.

Außen herum überholte der McLaren-Pilot Kimi Antonelli in der Tarzan-Kurve und übernahm anschließend die Führung. Für Surer war das Manöver zwar spektakulär, aufgrund der Charakteristik der überhöhten Kurve aber grundsätzlich möglich.

Entscheidend sei gewesen, dass Norris das nötige Vertrauen hatte und Antonelli fair blieb. Der Mercedes-Pilot hätte Norris aus Surers Sicht nur noch mit einer überharten Aktion am Überholen hindern können.

Nach dem schwachen Saisonstart sieht Surer McLaren inzwischen wieder deutlich stärker. Das Team habe seine Probleme beim Abtrieb weitgehend gelöst. Ob das auch auf Hochgeschwindigkeitsstrecken wie Monza reicht, bleibt für ihn allerdings offen.

Surer verteidigt Mercedes-Teamorder

Für Diskussionen sorgte bei Mercedes die Anweisung an George Russell, Kimi Antonelli nach dessen spätem Reifenwechsel vorbeizulassen.

Surer hält die Entscheidung grundsätzlich für richtig, kritisierte allerdings den Zeitpunkt. Mercedes habe Russell eine Runde zu früh angewiesen, Platz zu machen. Dadurch musste der Brite deutlich verlangsamen und verlor unnötig Zeit.

Die strategische Grundidee sei dennoch nachvollziehbar gewesen. Antonelli verfügte über deutlich frischere Reifen und hatte zumindest theoretisch noch die Möglichkeit, Lando Norris unter Druck zu setzen.

Eine klare Nummer-eins-Regelung bei Mercedes sieht Surer derzeit noch nicht. Sollte sich Antonelli im WM-Kampf jedoch weiter absetzen, müsse Toto Wolff irgendwann Prioritäten setzen.

©IMAGO / PsnewZ

Ferrari-Chaos kostet Hamilton möglicherweise das Podium

Deutlich kritischer fiel Surers Urteil über Ferrari aus.

Lewis Hamilton war auf seiner Reifenstrategie deutlich schneller als Charles Leclerc und lief auf seinen Teamkollegen auf. Ferrari versuchte daraufhin, Leclerc über einen Boxenstopp aus dem Weg zu nehmen. Der Monegasse ignorierte den ersten „Box, Box“-Funkspruch jedoch und blieb auf der Strecke.

Hamilton verlor dahinter mehrere Sekunden und reagierte zunehmend genervt.

Für Surer hätte Ferrari deutlich früher und klarer handeln müssen. Entweder müsse vor dem Rennen festgelegt sein, dass ein Fahrer einer entsprechenden Boxenanweisung folgt, oder Teamchef Fred Vasseur müsse in einer solchen Situation eine eindeutige Ansage machen.

Hamilton sei zu diesem Zeitpunkt mindestens eine halbe Sekunde pro Runde schneller gewesen. Aus Surers Sicht kostete das Zögern Ferrari wahrscheinlich den dritten Platz.

Sein Urteil fiel entsprechend deutlich aus:

„Ferrari ist schuld an der Situation.“

Die Probleme seien kein neues Phänomen. Ferrari habe seit Jahren Schwierigkeiten damit, in strategisch heiklen Situationen schnell und konsequent zu entscheiden.
Hamilton entschuldigte sich nach dem Rennen für seine sarkastischen Funksprüche. Das hält Surer ebenfalls für nachvollziehbar. Der siebenfache Weltmeister habe mit seinen Aussagen letztlich auch die eigene Mannschaft kritisiert und müsse deshalb im Sinne der Team-Moral Verantwortung übernehmen.

©XPB Images

Sainz gegen Albon: „Eindeutig zu spät“

Auch die Kollision der beiden Williams-Piloten Carlos Sainz und Alex Albon wurde noch einmal aus Fahrersicht analysiert.

Surer schloss sich dabei der Einschätzung von Niels Wittich und den Stewards vollständig an. Sainz habe in der Tarzan-Kurve zu spät gebremst und versucht, Albon auf der Außenbahn den Weg abzuschneiden.

Die anschließende Erklärung von Sainz, eine Bodenwelle habe beim Bremsen zum Blockieren der Räder beigetragen, hält Surer zwar grundsätzlich für technisch möglich. Entscheidend sei aber weiterhin der zu späte Bremspunkt gewesen.

Sainz habe offenbar versucht, nach einem insgesamt schwierigen Wochenende zumindest noch seinen Teamkollegen zu schlagen. Der Versuch ging jedoch nach hinten los.

Für die langfristige Zukunft von Williams äußerte sich Surer deutlich skeptischer. Trotz Mercedes-Motor komme das Team derzeit kaum voran.

Sein Fazit: „Da ist wirklich der Wurm drin.“

Hülkenberg mit Können und Glück

Nur wenige Sekunden nach Verstappens Unfall entging Nico Hülkenberg knapp einer Kollision mit dem querstehenden Gabriel Bortoleto.

Surer beschrieb die Situation aus Fahrersicht als einen Moment, in dem sich alles beinahe in Zeitlupe abspiele. Hülkenberg habe korrekt verzögert, die Bewegungsrichtung von Bortoletos Auto eingeschätzt und sich anschließend für die richtige Seite entschieden.

Auf die Frage, wie viel Können und wie viel Glück dabei eine Rolle gespielt hätten, lautete Surers Antwort: 50:50.

Hülkenberg habe sich vernünftig verhalten und letztlich alles richtig gemacht. Gleichzeitig habe er zusätzlich Glück gehabt, nicht von Trümmerteilen des zuvor verunfallten Red Bull getroffen zu werden.

©XPB Images

Lawson nutzt seine Chance bei Red Bull

Nach der Handgelenksverletzung von Isack Hadjar rückte Liam Lawson für ein Wochenende wieder zu Red Bull Racing auf. Yuki Tsunoda übernahm dafür das Cockpit bei den Racing Bulls.

Surer hält diese Entscheidung für nachvollziehbar. Lawson befand sich im Rennrhythmus und war mit den aktuellen Autos sowie dem Energiemanagement vertraut. Bei Tsunoda bestand dagegen nach langer Rennpause ein größeres Fragezeichen.

Lawson überzeugte mit Platz sieben und lag sowohl im Qualifying als auch im Rennen überraschend nahe an Verstappen.

Nach Surers Einschätzung hat sich seine Position im Red-Bull-System damit deutlich verbessert. Vor Zandvoort sei Lawson möglicherweise noch ein Kandidat für einen Austausch 2027 gewesen. Nach dieser Leistung sei eine Trennung deutlich schwieriger zu begründen.

Alonso holt das Maximum aus Aston Martin

Fernando Alonso beendete den Grand Prix auf Rang neun und holte damit erstmals in dieser Saison regulär auf der Strecke WM-Punkte.

Aston Martin hatte bereits vor der Sommerpause ein neues Chassis gebracht, in Zandvoort folgte eine neue Honda-Powerunit.

Surer sieht beim Chassis inzwischen deutliche Fortschritte. Nach seinen Informationen soll Honda bislang allerdings nur rund die Hälfte der zusätzlichen Motorleistung der neuen Spezifikation freigegeben haben.

Alonsos Ergebnis sei vor allem einer guten Strategie und einem fehlerfreien Rennen zu verdanken gewesen. Ein endgültiger Durchbruch sei Zandvoort deshalb noch nicht gewesen.

Insbesondere die Motorleistung und das weiterhin zu hohe Fahrzeuggewicht bleiben nach Surers Einschätzung Schwachstellen.

Nach den beiden Spezialausgaben zum Niederlande-Grand-Prix kehrt RACE CONTROL beim Italien-Grand-Prix wieder in gemeinsamer Besetzung zurück. Marc Surer und Niels Wittich analysieren das Rennwochenende am Sonntag, 6. September, gemeinsam aus Fahrer-, Experten- und Rennleiterperspektive.

Die komplette RACE-CONTROL-Ausgabe mit Marc Surer gibt es im Video.

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