Kimi Antonelli steht nach seinem neunten Saisonsieg unmittelbar vor dem ersten Formel-1-Weltmeistertitel. Für CHAMP1-Experte Marc Surer ist die Sache sportlich längst entschieden. Gleichzeitig erlebt George Russell in Austin den nächsten schweren Rückschlag, Red Bull kämpft plötzlich wieder mit einem schwer berechenbaren Auto und Christian Horner sorgt mit neuen Aussagen zu Abu Dhabi 2021 für Diskussionen. Dazu: Esteban Ocons Zukunft, Zweifel an Cadillac-Kandidat Colton Herta und ein mögliches Formel-1-Comeback von Bridgestone.
Der Große Preis der USA hat den Titelkampf praktisch entschieden. Kimi Antonelli gewann von der Poleposition, kontrollierte das Rennen mit einer starken Einstopp-Strategie und verpasste die rechnerische WM-Entscheidung nur knapp.
George Russell und Lewis Hamilton landeten jeweils genau eine Position zu weit vorne, um Antonelli bereits in Austin offiziell zum Champion zu machen. Für Marc Surer ist das allerdings nur noch eine mathematische Formalität.
Surer über Antonelli: „Er ist bereits Weltmeister“
Poleposition, perfekter Start, konstante Rennpace und schließlich der neunte Saisonsieg: Antonelli lieferte in Austin erneut ein nahezu fehlerfreies Wochenende.
Für Surer ist der Italiener deshalb praktisch schon Weltmeister.
„Er ist bereits Weltmeister, aber natürlich mathematisch noch nicht.“
Antonelli führt die WM inzwischen mit 123 Punkten vor Russell und 124 vor Hamilton an. Nur noch 125 Zähler sind überhaupt zu vergeben. Platz neun in Mexiko reicht ihm damit unabhängig von allen anderen Ergebnissen zum Titel.
Besonders beeindruckt zeigt sich Surer davon, wie Antonelli das zuletzt noch umstrittene Mercedes-Update verstanden hat. Während Russell damit weiterhin Schwierigkeiten hat, scheint der 20-Jährige inzwischen genau das schmale Arbeitsfenster gefunden zu haben, in dem das Paket seine volle Leistung entfaltet.
Auch die Rennstrategie überzeugte. Antonelli zog seinen ersten Stint auf Medium lange hinaus und wechselte anschließend auf Hart. Für Surer war dadurch früh klar, dass die Einstopp-Strategie aufgehen würde.
Vor allem Antonellis Ruhe und Konstanz hebt der frühere Formel-1-Pilot hervor.
Noch deutlicher wird Surer bei der Frage nach dem besten Fahrer der bisherigen Saison: Antonelli gewinne inzwischen sogar Rennen, die er eigentlich nicht zwingend gewinnen müsste, mache kaum Fehler und hole regelmäßig das Maximum heraus.
©XPB ImagesRussell wirkt „geknickt“
Das komplette Gegenteil erlebt derzeit George Russell.
Der Brite wurde im Qualifying nur Sechster und kam im Rennen nicht über Rang acht hinaus. Nach dem Grand Prix bezeichnete er seine eigene Pace als „rubbish“.
Surer sieht die Ursachen nicht nur beim Auto.
Neben dem schwierigen Fahrverhalten und dem engen Arbeitsfenster des Mercedes glaubt er inzwischen auch an eine mentale Komponente. Russell habe in dieser Saison zahlreiche Rückschläge erlebt und wirke nicht mehr so selbstbewusst wie noch zu Jahresbeginn.
Besonders auffällig war Russells Aussage, ihm sei inzwischen weitgehend egal, ob er Zweiter, Dritter oder Fünfter in der WM werde.
Surer nimmt ihm das nicht ganz ab.
„Er ist geknickt, er ist definitiv geknickt.“
Antonellis Erfolg mit demselben Auto nage zusätzlich am Selbstvertrauen. Wenn sich ein Fahrer verkrampfe und dem Auto nicht mehr vollständig vertraue, könne er nicht mehr die letzten Prozent abrufen.
Auch eine Fünf-Sekunden-Strafe wegen Verlassens der Strecke sorgte bei Russell für weiteren Frust. Surer hält die Sanktion aufgrund der Minisektor-Daten der FIA allerdings grundsätzlich für nachvollziehbar.
©Getty Images / Red BullRed Bull plötzlich wieder „unfahrbar“
Noch in Malaysia und Singapur schien Red Bull endgültig wieder an der Spitze angekommen zu sein. In Austin zeigte sich dagegen ein völlig anderes Bild.
Isack Hadjar bezeichnete seinen Red Bull zeitweise als „komplett unfahrbar“, Verstappen klagte im Rennen über schlechte Pace, Probleme mit den Softreifen, eine inkonstante Powerunit und schwächere Boxenstopps.
Für Surer liegt ein wesentlicher Grund in den extremen Bodenwellen von Austin.
Schon in der Vergangenheit habe Red Bull auf unebenen Strecken Probleme mit einem schwer vorhersehbaren Fahrverhalten gezeigt. Die Bodenwellen hätten das Auto offenbar wieder aus seinem engen Balancefenster gebracht.
Trotzdem relativiert Surer zumindest Hadjars heftige Kritik: Wer mit einem angeblich unfahrbaren Auto im Qualifying Dritter werde, könne nicht ganz so schlecht unterwegs sein.
Verstappen selbst wurde im Rennen ebenfalls Dritter. Nach Austin steht damit endgültig fest, dass er erstmals seit 2020 vorzeitig aus dem WM-Kampf ausgeschieden ist.
Surer sieht darin weniger ein Problem Verstappens als vielmehr Red Bulls schwachen Saisonstart. Mit einem konkurrenzfähigen Auto von Beginn an wäre Antonellis Titel aus seiner Sicht längst nicht so früh entschieden.
©Imago / PsnewZLeclerc beeindruckt Surer mit „Mutprobe“
Eines der spektakulärsten Manöver des Rennens lieferte Charles Leclerc.
Der Ferrari-Pilot griff Verstappen unmittelbar nach dem Start an einer Stelle an, an der Überholen eigentlich kaum möglich scheint.
Surer bezeichnete das Manöver als „absolute Mutprobe“.
Leclerc habe zwar zu viel elektrische Energie eingesetzt und die Position später wieder verloren, das Rad-an-Rad-Duell habe aber auch gezeigt, wie groß der gegenseitige Respekt zwischen Verstappen und Leclerc sei.
Beide würden hart fahren, dem anderen aber genug Raum lassen.
©Sky Sport F1Sainz sauer auf die Stewards – Surer sieht Mitschuld
Carlos Sainz zeigte sich nach seinem Kontakt mit Arvid Lindblad deutlich verärgert.
Der Williams-Pilot beklagte, er werde in dieser Saison für praktisch alles bestraft, während Lindblad nach dem Kontakt beim Start ohne Sanktion davonkam.
Surer sieht die Situation differenzierter.
Lindblad sei zwar in Sainz‘ Richtung gezogen und trage damit einen Teil der Verantwortung. Gleichzeitig habe Sainz aber selbst versucht, sich in eine extrem enge Lücke zwischen Auto und Boxenmauer zu quetschen.
Gerade beim Start müsse ein Fahrer damit rechnen, dass der Vordermann primär nach vorne und nicht permanent in den Rückspiegel schaut.
Dass die Stewards in Startsituationen großzügiger entscheiden, hält Surer grundsätzlich für richtig.
©XPB ImagesAbu Dhabi 2021: Surer verteidigt Masis Grundgedanken
Auch das kontroverse WM-Finale von Abu Dhabi 2021 war erneut Thema.
Christian Horner hatte zuletzt offen eingeräumt, dass Red Bull damals Druck auf Rennleiter Michael Masi ausgeübt habe. Gleichzeitig verwies er darauf, dass Toto Wolff bereits zuvor direkt auf die Rennleitung eingewirkt habe.
Surer überrascht diese Offenheit nicht.
Er erinnert sich ausdrücklich an die damaligen Funksprüche von Wolff und glaubt, dass letztlich beide Teams versuchten, ihre Interessen gegenüber Masi durchzusetzen.
An seiner grundsätzlichen Sicht auf das Finale hält Surer fest: Eine Weltmeisterschaft zwischen zwei punktgleichen Fahrern sollte seiner Meinung nach nicht hinter dem Safety Car enden.
Allerdings sieht er rückblickend eine bessere Lösung:
Rote Flagge, Neustart und gleiche Reifenbedingungen für beide Fahrer.
Das wäre für Surer die sauberste Entscheidung gewesen und hätte den bis heute anhaltenden Streit wahrscheinlich verhindert.
©Imago / NurPhotoHorner-Buch könnte Formel-1-Comeback erschweren
Auch Horners öffentlicher Streit mit Helmut Marko wurde angesprochen.
Surer will sich inhaltlich nicht auf eine Seite schlagen, weil Außenstehende nicht beurteilen könnten, welche Darstellung tatsächlich zutreffe.
Er findet es vor allem schade, dass zwei Männer, die gemeinsam zahlreiche Weltmeisterschaften gewonnen haben, ihren Konflikt inzwischen so öffentlich austragen.
Für Horners mögliche Formel-1-Rückkehr hält Surer das Buch allerdings eher für problematisch.
Wer öffentlich schlecht über seinen ehemaligen Arbeitgeber spreche, mache sich für einen potenziellen neuen Arbeitgeber nicht unbedingt attraktiver.
©LAT Photo / HaasSurer sieht für Ocon kaum noch ein Stammcockpit
Auch Esteban Ocon kämpft weiter um seine Formel-1-Zukunft.
Der Franzose betont weiterhin, sein Haas-Aus habe nichts mit seinen sportlichen Leistungen zu tun. Surer sieht das anders.
Aus seiner Sicht sprechen die Ergebnisse durchaus gegen Ocon, insbesondere weil Oliver Bearman ihn trotz seiner geringeren Erfahrung regelmäßig unter Druck gesetzt habe.
Ein neues Stammcockpit hält Surer deshalb für unwahrscheinlich.
„Als Ersatzpilot würde ich ihn sofort holen.“
Ocons Erfahrung könnte für ein Team als Reservefahrer wertvoll sein, eine feste Rückkehr 2027 sieht Surer dagegen kaum.
Bei Bearman selbst gibt es derweil noch keine offizielle Vertragsverlängerung. Berichten zufolge soll der Brite rund sechs Millionen Euro Jahresgehalt verlangen. Für Surer ist das legitimes Pokern: Bearman weiß, dass Haas ihn halten will und dass er durch seine Ferrari-Anbindung zusätzliche Sicherheit besitzt.
©XPB ImagesZweifel an Herta – Bottas für Cadillac wertvoller?
Auch bei Cadillac könnte sich die Fahrerfrage noch einmal öffnen.
Während Sergio Pérez als weitgehend gesetzt gilt, wird über Valtteri Bottas und Colton Herta diskutiert.
Surer zeigt sich von Hertas aktueller Formel-2-Saison enttäuscht. Nach dessen starken IndyCar-Auftritten habe er viel vom Amerikaner gehalten, inzwischen seien aber Zweifel angebracht.
Cadillac könne Hertas Formel-1-Tests zwar genauer bewerten als Außenstehende. Trotzdem hält Surer einen Fahrerwechsel angesichts des schwierigen Teamaufbaus für fragwürdig.
Seiner Ansicht nach sollte Cadillac derzeit vor allem das Auto verbessern, statt unnötig an der Fahrerpaarung zu drehen.
Dass ein US-Amerikaner für ein US-Team attraktiv wäre, sieht Surer dagegen durchaus als starkes Marketingargument.
©XPB ImagesBridgestone vor Formel-1-Comeback?
Zum Abschluss ging es um eine mögliche Rückkehr von Bridgestone.
Der japanische Hersteller soll sich mit Blick auf die Zeit nach dem aktuellen Pirelli-Vertrag wieder intensiv mit der Formel 1 beschäftigen. Auch Hankook und möglicherweise Michelin werden als Interessenten genannt.
Surer traut Bridgestone eine Rückkehr grundsätzlich zu. Gleichzeitig bescheinigt er Pirelli inzwischen gute und konstante Arbeit.
Einen neuen Reifenkrieg zwischen mehreren Herstellern möchte er dagegen nicht.
Für Surer sind Reifen derart entscheidend für die Performance, dass unterschiedliche Hersteller zwangsläufig erhebliche Wettbewerbsvorteile schaffen würden. Deshalb hält er einen einheitlichen Ausrüster für die sportlich fairere Lösung.
Ausblick auf Mexiko: Surer setzt auf Leclerc
In Mexiko könnte Kimi Antonelli nun endgültig zum jüngsten Formel-1-Weltmeister der Geschichte werden.
Surer selbst tippt für den Rennsieg allerdings auf Charles Leclerc.
Die dünne Höhenluft könnte das Kräfteverhältnis verändern: Weniger Luftwiderstand sorgt für hohe Topspeeds, gleichzeitig sinkt der Abtrieb und die Kühlung wird schwieriger.
Welche Teams damit am besten zurechtkommen, könnte das Wochenende entscheidend prägen.
Alle Analysen zu Antonellis beinahe perfektem WM-Wochenende, Russells Krise, Red Bulls Austin-Problemen, den FIA-Entscheidungen, Abu Dhabi 2021 sowie den Zukunftsfragen um Ocon, Bearman, Bottas und Bridgestone gibt es in der vollständigen Ausgabe von RACE CONTROL mit Marc Surer.
Dieser Text wurde mit KI-Unterstützung erstellt.































