Alex Wurz war und ist ein leidenschaftlicher Motorsportler. Von 1997 bis 2007 war er mit einigen Pausen Fahrer in der Formel 1. Bei Benetton, McLaren und Williams konnte der Österreicher 69 Starts sammeln und wurde 1998 WM-Achter. Insgesamt drei Podien durfte Wurz bejubeln.
Mittlerweile kennen Fans Wurz vorwiegend als Co-Kommentator und Experten bei den Formel-1-Übertragungen des ORF. Zusätzlich ist er seit Oktober 2014 Vorsitzender der Fahrergewerkschaft. In einem exklusiven Interview mit Champ1 äußert sich Wurz zum Zustand der Formel 1.
Alex Wurz kennt sich mit der Formel 1 bestens aus. © IMAGO / NordphotoWurz äußert sich zum neuen Reglement
Herr Wurz, Sie sind selbst Formel 1 gefahren, Sie analysieren heute Rennen fürs Fernsehen und kennen den Sport aus mehreren Perspektiven. Wenn Sie die Formel 1 von damals mit der heutigen vergleichen: Was ist besser geworden – und was ist vielleicht verloren gegangen?
Wie sagt man so schön: „Je älter man wird, desto besser war es damals“… Es ist seit den 90ern ein Sport, der Technologie und Engineering innerhalb des Reglements auslotet und Mensch und Maschine um eine Zehntel der Sekunde kämpfen lässt. Es waren damals wie jetzt die besten Teams und Piloten am Werk. Die Formel 1 war auch immer schon kommerziell aufgestellt. Wir sollten nur aufpassen, dass wir Sport bleiben, denn zu viel Show ist eine Gefahr für die finanzielle Nachhaltigkeit.
Wenn Sie sich als aktiver Fahrer von damals in ein heutiges Formel-1-Auto setzen würden: Was wäre für Sie die größte Umstellung – das Gewicht, die Komplexität, das Energie-Management, die Reifen oder der mediale Druck?
Mit Sicherheit Energie-Management. Obgleich ich in der WEC (World Endurance Championship) Ähnliches gesehen und erlebt habe, so ist das F1-Fahren mit Energie-Beschränkung etwas ganz anderes, als der Instinkt von Rennfahrern es machen will. Um es mal mit einem Beispiel zu beschreiben: Es gibt Kurven, in denen man mehr runterbremsen muss, als der Reifengrip erlaubt, weil man dadurch mehr Energie gewinnt beim langen Bremsen. Und mit der gewonnenen Energie ist man auf der nächsten Geraden schneller und damit in dieser Passage netto schneller.
Nun ist aber der Kopf eines Rennfahrers immer schon auf Maximierung von Grip ausgerichtet, quasi spät bremsen und auf der Haftungsgrenze ums Eck rutschen, ideal mit 5 bis 6 Prozent Reifenslip, und am Kurvenausgang so zeitig wie geht Vollgas geben. Das sagt der Instinkt, der Kopf, der Bauch, aber das will die Stoppuhr nicht mehr. Aber es braucht immer noch den Piloten, der das umsetzt und sich darauf einstellt.
Die Formel 1 2026 steht stark im Zeichen von Batterie- und Energie-Management. In Silverstone wurde sichtbar, was Max Verstappen und Fernando Alonso zuvor kritisiert hatten: Wer Energie hat, kann attackieren; wer keine Energie mehr hat, wird schnell zur leichten Beute. Ist das für Sie noch klassische Formel 1 – oder verschiebt sich der Sport zu stark in Richtung Energie-Taktik?
Es ist immer noch der Wettbewerb, wo die besten Piloten der Welt in den schnellsten Autos der Welt um die Wette fahren. Jedoch war Formel 1 bisher fast nur auf Gripmaximierung ausgelegt, also immer am Limit der Haftung zu sein, wobei eben ab heuer der schnellste Weg durch Energiesparfahrtechnik mitentschieden wird.
Ob sie zu stark ist, diese Verschiebung, oder ob es ok ist, polarisiert Fans und Insider gleichauf. Ich persönlich finde, dass wir an manchen Strecken zu wenig Sprit haben, und dadurch Streckenbereiche oder Kurven zu stark im Zeichen von Energiesparen stehen. Jedoch: Ein kleiner taktischer Aspekt ist sicher gut für den Sport, nur die Gewichtung ist mir persönlich etwas zu viel. Das Reglement wird ja in diese Richtung nachbessern in den nächsten 2 Saisons.
Fernando Alonso sprach im Zusammenhang mit Silverstone sinngemäß davon, dass schnelle Passagen wie Maggotts/Becketts/Chapel zur „Ladestation“ werden könnten; Verstappen warnte ebenfalls vor Strecken, auf denen zu wenig rekuperiert werden kann. Können Sie diese Kritik aus Fahrersicht nachvollziehen?
Ja, logisch kann ich das nachvollziehen und auch verstehen. Aber es ist nun mal schneller, mit limitiertem Benzin nicht Vollgas durch solche schnellen Kurvenpassagen zu fahren, denn diese paar Gramm Sprit, die du dort verbrennst, bringen dir wenig Rundenzeit. Jedoch lassen dich diese paar Gramm Sprit auf der Geraden länger Vollgas fahren und somit hat man mehr Speed und mehr Speed ist dann mehr kinetische Energie zum Aufladen der Batterie.
Ab 2027 sollen die Regeln bereits wieder angepasst werden: mehr Leistung über den Verbrenner, weniger elektrische Deployment-Leistung. Ist das aus Ihrer Sicht ein Eingeständnis, dass die Formel 1 2026 zu weit gegangen ist – oder ein normaler Korrekturschritt in einer neuen Reglement-Ära?
Ich würde es positiv sehen, und sagen, dass die Formel 1 sich sehr rasch verbessert und optimiert.
Kimi Antonelli konnte auch in Spa triumphieren. © IMAGO / NurPhotoLob für Mercedes und Antonelli
Mercedes hat in Silverstone erneut wichtige Punkte liegen lassen. Toto Wolff sagte gegenüber dem ORF sinngemäß, wenn man 75 Punkte verliere, könne man so keine Weltmeisterschaft gewinnen. Wo sehen Sie derzeit die größten Defizite bei Mercedes – bei der Zuverlässigkeit, der operativen Umsetzung, dem Auto oder der Fahrer-Konstellation?
Mercedes hat einen Top-Job gemacht, um das neue Reglement am besten zu lesen, verstehen, und das Auto und Triebwerk darauf auszulegen. Durch technische Defekte auszuscheiden, ist halt leider so ärgerlich. Aber das Mercedes-Paket ist für mich weiterhin klarer Favorit für Fahrer- und Konstrukteurstitel.
Kimi Antonelli ist erst in seinem zweiten Formel-1-Jahr, führt aber bereits den WM-Kampf an beziehungsweise ist mittendrin. Hat er aus Ihrer Sicht schon die Reife, 2026 Weltmeister zu werden – oder kommt diese Chance für ihn fast zu früh?
Kimi hat alles, was er braucht, heuer Weltmeister zu werden.
George Russell ist mit dem Anspruch in die Saison gegangen, bei Mercedes die klare Führungsrolle zu übernehmen. Gleichzeitig tut er sich phasenweise schwer mit dem Auto, während Antonelli enorm stark aufgetreten ist. Wie bewerten Sie Russells Situation – ist das eine normale schwierige Phase oder steht er bei Mercedes stärker unter Druck, als es von außen wirkt?
George hatte zu Beginn der Saison einiges an Pech und mir kommt vor, als wenn sein Fahrstil nicht ganz mit dem Auto und Reglement zusammenpasst. Zur selben Zeit passen Auto und neuer Fahrstil besser zu Kimi, der auch gleichzeitig seine Form findet und immer weiter ausbaut.
Kimi hat seine Form- und Talentekurve noch immer nicht erreicht, bei ihm kommt immer wieder noch ein kleiner Schub hier und da dazu. Diese beeindruckenden Formsteigerungen machen es für keinen Teamkollegen einfach. Aber wenn’s einfach wäre, könnte es ja jeder machen.
Lewis Hamilton ist wieder in Top-Form. © Batchelor / XPB ImagesWurz über Hamilton-Comeback und österreichischen Einfluss in der Formel 1
Ferrari wirkt derzeit deutlich stabiler und hat in Silverstone mit Charles Leclerc gewonnen, während Lewis Hamilton 2026 nach seinem schwierigen ersten Ferrari-Jahr 2025 wieder deutlich aufblüht. Was macht Ferrari aktuell richtig – und kann Hamilton in dieser Form tatsächlich noch einmal Weltmeister werden?
Leclerc hat ja bisher auch seine Probleme mit dem neuen Fahrstil, also war sein Silverstone-Sieg viel wert für ihn. Lewis ist froh, dass er von den Ground-Effekt-Autos weg ist, die haben ihm nie getaugt. Insofern ist es erquickend zu sehen, dass Lewis seine Form wiederhat und Charles sich teilweise neu erfinden muss.
Österreich hat mit Niki Lauda, Gerhard Berger, Ihnen, Christian Klien und Toto Wolff große Formel-1-Geschichte geschrieben – aber aktuell keinen Fahrer im Feld. Helmut Marko nannte zuletzt Johan Berger, den Sohn von Gerhard Berger, und Jack Wolff, den Sohn von Toto Wolff, als mögliche österreichische Hoffnungsträger. Wann sehen Sie wieder einen Österreicher in der Formel 1 – und wie realistisch ist dieser Weg heute überhaupt noch, wenn selbst Marko sagt, dass der Nachwuchssport für „Normalsterbliche“ kaum noch finanzierbar ist?
Ein harter Weg, in die F1 zu kommen, auf und neben der Strecke. Es wäre top, wenn wir wieder einen Österreicher in der F1 am Start hätten. An Talenten scheitert es nicht immer.
Toto Wolff kennen Sie nicht nur als Mercedes-Teamchef, sondern auch persönlich. Ist Toto privat anders als an der Kommandobrücke – und wie tickt er, wenn keine Kameras laufen?
Er ist zu jeder Lebenslage auf seine Ziele ausgerichtet und die sind meist sehr hoch ausgerichtet. Wie bei anderen erfolgreichen Menschen ist eigentlich jeder Tag und jede Minute auf das Ziel ausgerichtet. Insofern gibts da bei Toto auch keine großen Unterschiede im Charakterzug und Verhalten, ob privat oder in der Arbeit.
Österreich spielt in der Formel 1 eine erstaunlich große Rolle – mit Red Bull, Spielberg, Ihnen als Experte und natürlich Toto Wolff bei Mercedes. Warum hat dieses vergleichsweise kleine Land im Motorsport so viel Gewicht?
An allen Ecken und Enden findet man Österreicher in der Formel 1. Begonnen, so kommt mir vor, hat es mit Jochen Rindt.
Red Bull steckt in einer Krise. © Batchelor / XPB ImagesBleibt Red Bull ein Top-Team?
Red Bull brachte in Österreich ein großes Upgrade, Verstappen konnte wieder um den Sieg kämpfen – doch nur eine Woche später in Silverstone lagen Samstag und Sonntag große Probleme offen, inklusive Verstappens Abflug und einer Entschuldigung von Laurent Mekies. Wie schätzen Sie Red Bulls Lage ein: Ist das nur eine schwierige Entwicklungsphase oder ein strukturelles Problem?
Wir haben bei Red Bull schon einige Male gesehen, dass sie anfangs weg waren und dann auf einmal wiederkamen. Es ist auf jeden Fall keine einfache Phase, ist es nie. Aber die Basisstruktur ist gesund im Team. Die innere Struktur eines Teams ist permanent in Bewegung, und die Teambesitzer, Red Bull und deren Manager müssen es schaffen, aus der „Horner-Phase“ heraus die Gewinnermentalität zu behalten, aber dennoch eine neue Kultur zu etablieren, die den jetzigen Charakteren angepasst ist. Das ist eine schöne, wichtige, aber auch heikle Phase. Als Beispiel: Als Mitte 2000 Adrian Newey von McLaren wegging, haben es die Besitzer und Manager nicht schnell genug geschafft, das Team neu aufzustellen, und dann ist mehr als ein Jahrzehnt nicht viel gegangen. Ich denke, Red Bull wird weiter ein Top-Team bleiben.
Max Verstappens Zukunft bleibt eines der großen Themen im Fahrerlager. Wenn ein Fahrer seiner Klasse spürt, dass sein Team technisch schwankt und das Reglement ihm nicht gefällt: Wie gefährlich wird so eine Situation für Red Bull – und wie sehr kann ein Team wie Mercedes für ihn zur echten Option werden?
Oh, in der Fragestellung ist zu viel Spekulation drin.
Zum Schluss persönlicher gefragt: Wenn Sie dem jungen Alex Wurz vor seinem ersten Formel-1-Start heute einen Rat geben könnten – welcher wäre das?
Laserfokus im Auto, Vogelperspektive außerhalb des Autos und nichts erwarten von niemandem und nichts.




































