Während des ersten freien Trainings gab das Berufungsgericht der FIA die finale Entscheidung über das Podium von Pierre Gasly bekannt. In der am Nachmittag stattfindenden Pressekonferenz der Teamchefs war Alpine-Boss Flavio Briatore alles andere als gut gelaunt. Er unterstellte einem der vier Jurymitglieder des Gerichts Befangenheit – und klagte damit ein ganz bestimmtes Team an.
Eine hitzige Pressekonferenz der Teamchefs in Monza | © Rew / XPB ImagesBriatore klagt über Befangenheit und zeigt mit dem Finger auf McLaren
Die Entscheidung des ICA war natürlich das Top-Thema in der Pressekonferenz der Teamchefs. Passenderweise waren die Teamchefs von Alpine und McLaren anwesend – und mittendrin ein Fred Vasseur, der den besten Platz für das Drama, welches sich vor ihm entfalten sollte, hatte.
Briatore, der top vorbereitet mit einem Zettel voller Notizen die Pressekonferenz betrat, war stinksauer. Seinem Ärger über die Entscheidung, Gasly das Podium wieder zu entziehen, machte er ziemlich deutlich Luft. „Das ist sehr unfair. Aber wir akzeptieren die Entscheidung. Allerdings war es sehr ungewöhnlich, dass das Gremium aus vier Richtern bestand. Einer der Richter verhielt sich wie ein Staatsanwalt. Das ist aber kein großes Problem“, sagte Briatore zunächst.
Dann griff er zu seinem Spickzettel und klagte dann an, dass dieser eine Richter ganz klar befangen war und er wüsste auch warum:
Das Problem ist seine enge Verbindung zu McLaren. Es gibt nämlich ein Foto von ihm bei einer Rede für McLaren im Jahr 2018 bei MSO in Beverly Hills. Er hat eine Stiftung namens „One Drop Foundation“, und McLaren hat ihr zwei oder drei Fahrzeuge zur Verfügung gestellt. Das war ziemlich unfair. Einer der Juroren stand in Verbindung mit einem Team, das gegen uns vorging.
Ganz schön sauer: Flavio Briatore | © Rew / XPB ImagesDer ebenfalls anwesende McLaren-Teamchef Andrea Stella möchte zu Briatores Anschuldigungen nichts sagen, das halte er für „unangemessen“. Stattdessen kommentierte er, wieso sich McLaren dazu entschieden hatte, die erste Entscheidung (Das Streichen von Gaslys Zeitstrafen, sowie das daraus resultierend entstandene Podium) der FIA anzufechten. „Wir haben Berufung eingelegt, weil wir sicherstellen wollten, dass diese Klarheit angestrebt wird“, erklärte Stella, „Wir waren besorgt hinsichtlich der Anwendung von sportlicher Chancengleichheit und Fairness, und das ist wichtig.“
Und das ist nicht nur für McLaren wichtig. Tatsächlich hat nicht nur Red Bull einen Antrag gestellt, sondern alle Teams waren bei der Anhörung anwesend, denn dies war ein sehr wichtiger Moment, um zu klären, wie wir die Regeln anwenden, wie wir für Konsistenz sorgen und – im konkreten Fall – welche Methoden während eines Rennwochenendes gelten.
Alpine-Boss erhebt schwere Vorwürfe
Doch von sportlicher Fairness wollte Briatore nichts wissen. Er hielt daran fest, dass einer der Richter befangen war. Er ging sogar soweit und nannte den Namen des Richters, klagte damit eine Person an, die nicht anwesend war und keine Chance hatte, sich in irgendeiner Art und Weise zu äußern. „Filippo Marchino war während der Anhörung sehr gehässig und trat auf wie ein Staatsanwalt. Später erfuhren wir dann den Grund für sein derart feindseliges Verhalten: Er ist eng mit McLaren verbunden“, unterstellte Briatore dem Juror erneut.
„Dieser hier trat wirklich als Ankläger gegen die FIA, gegen uns und gegen die FOM auf“, wütete er weiter. Direkt nach der Anhörung hätte er davon erfahren, dass der Juror angeblich befangen sei – warum man nicht sofort reagiert habe und ob Alpine erneut dagegen vorgehen werde, darauf sagte er bloß: „Das weiß ich aktuell nicht.“
Andrea Stella blieb während der Anschuldigungstirade von Briatore zwar ruhig, hatte aber klare und deutliche Worte: „Ich empfinde es als ziemlich beleidigend für McLaren – und für den Ruf eines Teams, das großen Respekt verdient –, dass diese Konferenz eine solche Wendung nimmt.“
Und wer auch immer solche Anschuldigungen erhebt – die durchaus schwerwiegend erscheinen –, der muss auch die Verantwortung für das übernehmen, was er in einem öffentlichen Forum äußert.
Wer ist Filippo Marchino?
Marchino ist ein amerikanisch-italienischer Anwalt und Ralleyfahrer. Seit 2018 ist er der amtierende CEO der One Drop Foundation. Diese wurde von Cirque du Soleil Gründer Guy Laliberte ins Leben gerufen.
Filippo Marchino, Ralleyfahrer und Anwalt | © WRCLaut Briatores Aussagen, schenkte McLaren dieser Organisation „zwei oder drei Autos“. In der Theorie richtig, aber hier fehlt ihm wichtiger Kontext. Der 2021 verstorbene McLaren-Aktionär Mansour Ojjeh schenkte diese Autos an den Laliberte im Zusammenhang einer Auktion. Diese Autos sollten versteigert werden, um Spenden für die Organisation zu generieren. Dies bestätigten unter anderem Autosport.com und Motorsport-Total.
Zusätzlich sprach Briatore von einem Foto Marchinos bei einer McLaren-Veranstaltung aus 2018. Der Alpine-Chef meinte die MSO in Beverly Hills. Bei der MSO (McLaren Special Operations) handelt es sich allerdings um eine Sparte von McLaren Automotive. McLaren Automotive und McLaren Racing sind zwei getrennte Geschäftsbereiche innerhalb der McLaren-Familie.
Zu 100% standhaft mögen Briatores Anschuldigen zunächst nicht wirken. Ob die FIA nun einer erneuten Überprüfung stattgibt, weiß man aktuell nicht. Marchino selbst könnte aufgrund der Anschuldigen auch noch rechtlich gegen Briatore vorgehen, sollten sich alle Anschuldigen als haltlos erweisen.
Obwohl das Berufungsgericht das finale Urteil vielleicht gesprochen haben mag, völlig schließen kann man das Kapitel Monaco Grand Prix wohl noch immer nicht.
Statement der FIA
Folgend auf Briatores Aussagen, man müsste die Richter der Jury hinreichender prüfen, äußerte die FIA sich Samstagmittag in einem Statement dazu.
In dem Statement macht das Berufungsgericht der FIA deutlich, dass von keiner anwesenden Partei zu keinem Zeitpunkt Einwände bezüglich der Richter geäußert wurden. Außerdem stand das Gremium bereits sechs Wochen vor dem Termin fest und es war den Betroffenen bekannt, wer Teil des Gremiums sein wird. Zudem betonte man, dass sollte ein Richter befangen sein, wird dies jährlich geprüft und mit einer Unabhängigkeitserklärung – sofern notwendig – den betroffenen Parteien mitgeteilt. Auch hier gab es weder von Alpine, noch von Red Bull oder McLaren Einwände.
„Mit dieser Erklärung erläutert der Gerichtshof die Verfahren für die Ernennung und Mitwirkung seiner Richter und bekräftigt sein Bekenntnis zu Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und der Integrität des gerichtlichen Verfahrens“, erklärte man zunächst die Notwendigkeit des Statements.
Im Statement heißt es dann:
„Die FIA-Gerichte möchten klarstellen, dass die Ernennung und Mitwirkung der Richter in diesem Fall – wie in jedem anderen Fall auch – im Einklang mit den geltenden Verfahrensregeln der FIA-Justizorgane und der üblichen Praxis erfolgten. Diese orientieren sich an höchsten Standards, wie etwa den IBA-Richtlinien zu Interessenkonflikten in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit.“
„Alle Richter werden von den FIA-Generalversammlungen gewählt, einige davon auf Vorschlag einer Gruppe von mindestens fünf FIA-Teams gemäß den FIA-Statuten. Sie unterliegen sämtlich den Anforderungen an Unabhängigkeit und Vertraulichkeit, die in den FIA-Verfahrens- und Disziplinarregeln festgelegt sind; zudem legen sie dem FIA-Compliance-Beauftragten jährliche Offenlegungen zu Interessenkonflikten vor und unterzeichnen für jeden Einzelfall – unter Berücksichtigung der jeweiligen Angelegenheit und der beteiligten Parteien – eine spezifische Unabhängigkeitserklärung, die den Parteien zugestellt wird.“
„Sowohl zu Beginn als auch am Ende der Verhandlung erhielten die Parteien Gelegenheit, Fragen oder Einwände bezüglich des Verfahrens oder der Zusammensetzung des Gerichts vorzubringen. Davon wurde kein Gebrauch gemacht. Während der Verhandlung wurden keine Einwände gegen die Art und Weise erhoben, wie das Gericht den Zeugen befragte oder das Verfahren führte.“
„Die ICA betont, wie wichtig es ist, Spruchkörper mit Richtern aus unterschiedlichen kulturellen und geografischen Kontexten zu besetzen. Dies trägt dazu bei, dass die Beratungen und Diskussionen eine Vielfalt an Rechtstraditionen, Perspektiven und Herangehensweisen widerspiegeln, wodurch die Fairness, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des Verfahrens sowie der Zugang zu einem fairen Prozess weiter gestärkt werden.“
„Eine Gerichtsentscheidung kann Raum für unterschiedliche Auslegungen und Kommentare hinsichtlich ihrer rechtlichen Begründung lassen; dies ist legitim und wird von allen Richtern anerkannt. Das Gericht ist von der Korrektheit des Verfahrens und der Integrität der Richter überzeugt. Die FIA-Gerichte bekennen sich weiterhin zur Unabhängigkeit und Unparteilichkeit ihrer Richter sowie zur Integrität des Gerichtsverfahrens.“































