Als Sebastian Vettel 2015 den legendären roten Rennanzug überstreifte, schien die Formel 1 kurz davor, eine Ära zu wiederholen. Der Deutsche sollte Maranello nach dem Vorbild Michael Schumachers zurück an die Spitze führen.
Doch trotz 14 gemeinsamer Grand-Prix-Siege endete die Verbindung nach sechs Jahren ohne den ersehnten WM-Titel. In der ARD-Dokumentation Being Sebastian Vettel blickt der viermalige Weltmeister auf die Ursachen dieses Scheiterns zurück. Seine Aussagen offenbaren strukturelle Probleme, die Ferrari nicht nur damals blockierten, sondern anscheinend bis heute begleiten.
Sebastian Vettel ist auch nach seinem Aus in der Formel 1 noch ein gern gesehener Gast. © Charniaux / XPB ImagesVettel ermittelt ein Hauptproblem
Ein Hauptproblem in der Ferrari-Kultur sieht Vettel im Fehlen einer Neuausrichtung. Die Erwartungshaltung von außen und der Druck innerhalb des Teams hätten dazu geführt, dass kreative Prozesse im Keim erstickten.
Die verpasste Chance war, dass wir als Organisation zu zögerlich waren, und zu schüchtern. Investieren in die eigenen Leute, vielleicht auch in frische Leute. Vieles davon wurde gemacht. Aber die Investition zu sagen, wir brechen mit Konventionen und bauen was Neues auf, auch was das Gedankengut angeht, das fand nicht so statt. Unter diesem Druck und dieser Erwartung war die Angst zu versagen so groß. Was passiert am Montag, wenn das Rennen nicht gut ist?
Während Vettel bei Red Bull Racing eine Atmosphäre erlebte, in der Spaß als Leistungskatalysator diente, herrschte in Maranello ein völlig anderes Regime. Vettel versuchte aktiv, dieses starre Korsett aufzubrechen, scheiterte jedoch häufig am konservativen Teammanagement.
Ich kann mich daran erinnern, dass es Momente gab, wo mir bewusst wurde, dass ein anderer Wind herrscht. Eine andere Anspannung, ein anderer Druck von außen. Ich glaube aber, dass es das braucht, dass man in einen Zustand miteinander kommt, wo man locker ist beziehungsweise kreativ sein kann.
Wenn die Marke über den Piloten steht
Vettels Rückblick legt den Finger in eine offene Wunde, die Ferrari seit Jahrzehnten begleitet. Das Team versteht sich nicht primär als Sportteam, sondern als nationales Heiligtum. Die Marke steht über allem, auch über der Vernunft und den Interessen der eigenen Fahrer. Die emotionale Last der italienischen Öffentlichkeit schlägt unter Druck regelmäßig in ein giftiges Umfeld um.
Dass diese Systemfehler kein Relikt der Vergangenheit sind, zeigte sich jüngst erneut beim Großen Preis von Mexiko.
Beim Rennstart steuerte Ferrari auf einen komfortablen Doppelsieg zu. Anstatt die Führung von Pole-Setter Lewis Hamilton abzusichern, bekämpften sich Hamilton und Charles Leclerc in den ersten Kurven derart verbissen, dass beide in Kurve 4 über das Gras gehen mussten. Die Quittung folgte. Max Verstappen staubte den Sieg ab, während sich die Ferrari-Piloten gegenseitig im Weg standen und der erhoffte Triumph verspielt wurde.
Der anschließende Wortwechsel zeigte die tiefe Zerrissenheit. Hamilton kritisierte Leclercs „Do-or-Die“-Mentalität scharf und mahnte fehlende Disziplin an. Teamchef Frédéric Vasseur zeigte sich wütend über den mangelnden Respekt gegenüber der Marke und den 2.000 Mitarbeitern in Maranello.
So bitter Vettels Ferrari-Kapitel rückblickend endete, so lehrreich kann es für die Gegenwart sein. Solange die Scuderia ihre Tradition mit sich herumschleppt und in entscheidenden Momenten die Marke über den Erfolg stellt, droht auch der nächsten Generation von Fahrern ein ähnliches Schicksal.































